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Die Sache mit dem Zuchtfortschritt

Unter Zucht versteht man die kontrollierte Fortpflanzung mit dem Ziel der genetischen Umformung. Dabei sollen gewünschte Eigenschaften verstärkt und ungewünschte Eigenschaften unterdrückt werden. Wie sieht die Realität bei der Rassehundezucht aus?

Erbkrankheiten bei Windhunden

  1. Welche Auswirkungen hat die seit Jahrzehnten praktizierte Inzucht auf den Gesundheitszustand der Hunde?
  2. Worin besteht der Unterschied zwischen Erbkrankheiten und Rasseprädisposition?
  3. Welche unterschiedlichen Erbgänge gibt es ?
  4. Welche Krankheiten sind bei Windhunden erblich bedingt? Für welche besteht eine Prädisposition?
  5. Welche Maßnahmen sollte der Züchter ergreifen, wenn bei den Zuchtieren und/oder deren Nachkommen die Symptome einer erblichen Krankheit festgestellt wurde?

Helix einer DNA Helix der Desoxyribonukleinsäure (DNA)

 

1. Welche Auswirkungen hat die seit Jahrzehnten praktizierte Inzucht auf den Gesundheitszustand der Windhunde?

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung unserer Hunde von 15 Jahre auf 7 bis 9 Jahre reduziert. Bestimmte Krankheiten treten bei einer Rasse oder Familie besonders häufig auf. Die Leistungsfähigkeit und Vitalität der Hunde ist vermindert. Es treten Fortpflanzungsstörungen auf. Der Hauptverursacher ist die verbreitete Inzucht. Dadurch werden über mehrere Generationen vorhersagbare, relativ gleichmäßige Welpen produziert. Es handelt sich um eine sog. "Formzucht".  

Einen Einblick in die Zuchtergebnisse gibt das Video „Best in Show 2016 - Full Event and Presentation | Crufts 2016“.  Crufts ist eine jährlich im März stattfindende Hundeschau in Birmingham (Großbritannien). Sie gilt als die größte Hundeausstellung weltweit.

In der jüngeren Vergangenheit wird bei der Zucht von den Verantwortlichen erfreulicherweise stärker auf gesundheitliche Kriterien geachtet.  So verschreibt sich der Deutsche Windhundzucht- und Rennverband (DWZRV) der Zucht “erbgesunder, sozialverträglicher, langlebiger, typvoller Rassehunde, die von ihrer Veranlagung her ihr Dasein mit einer hohen Lebensqualität verbringen können.” 

In der Zuchtordnung des Deutschen Windhundzucht- und Rennverbandes (DWZRV) sind auch alle bei den Windhunden zugelassenen Zuchtverfahren (Fremdzucht, Linienzucht, Inzucht und Inzestzucht) aufgeführt. Die Inzestzucht, also die Verpaarung von Vollbruder und Vollschwester, Vater und Tochter sowie Mutter und Sohn, ist verboten. Die Inzucht sollte - nach Maßgabe der Möglichkeiten - vermieden werden.

 

Definition der Zuchtverfahren laut Zuchtordnung des Deutschen Windhundzucht- und Rennverbandes (DWZRV)

Fremdzucht Welpen stammen aus Fremdzucht, wenn ihre Elterntiere nicht oder nur sehr weitläufig miteinander verwandt sind.
Linienzucht Welpen stammen aus Linienzucht, wenn ihre Elterntiere maßvoll miteinander verwandt sind, also wenn zum Beispiel der Deckrüde und die Mutterhündin denselben Urgroßvater “Bello” Generationenfolge dann: Linienzucht 4-4 auf “Bello”). Zur Linienzucht gehört eine besonders sorgfältige Auswahl der Zuchttiere im Hinblick auf ihre genetische Passung. Sie dient in der Regel der Typfestigung. Die Problematik der Inzuchtdepression ist bei der Linienzucht relevant und zu berücksichtigen.
Inzucht Welpen stammen aus Inzucht, wenn ihre Elterntiere relativ nah, aber nicht extrem nah miteinander verwandt sind, also wenn zum Beispiel der Deckrüde und die Mutterhündin dieselbe Mutter “Berta” haben (Inzucht 2-2 auf “Berta”). Die Problematik der Inzuchtdepression ist bei der Inzucht in hohem Maße relevant und zu berücksichtigen.
Inzestzucht Welpen stammen aus Inzestzucht, wenn ihre Elterntiere extrem nah miteinander verwandt sind, also wenn zum Beispiel der Deckrüde und die Mutterhündin Geschwister sind oder ein Rüde seine Tochter befruchtet hat.
Zwischenzucht Von Zwischenzucht wird gesprochen, wenn einmalig fremdes Blut derselben Rasse in eine durch Linienzucht oder Inzucht gefestigte Linie eingebracht wird.

 

Die Anwendung der Zuchtverfahren Linien- und Inzucht kann auch negative Folgen haben, sofern die Zuchttiere mit rezessiven fehlerhaften Erbanlagen behaftet sind. Bei dominanten Erbgängen reicht ein dominantes Allel (entweder von Hündin oder Rüde) für die Ausbildung der Krankheit (Aa oder AA). Dagegen müssen bei rezessiven Erbgängen beide Allele identisch sein (aa) , damit es zur Merkmalsausbildung kommt. Bei Linien- und Inzucht besitzen die Zuchtpartner nahezu alle erwünschten Eigenschaften reinerbig.  Es besteht die Gefahr, dass zwei Merkmalsträger verpaart werden. Dieses kann durch tierärztliche Untersuchung und DNA-Test des Zuchttiere ausgeschlossen werden. Eine solche Maßnahme ist jedoch nur bei den wichtigsten bekannten Erbkrankheiten der Hunde in den entsprechenden Zuchtordnungen vorgeschrieben. Durch Zwischen- und Fremdzucht nimmt die genetische Vielfalt innerhalb der Rasse zu. Die Nachkommen sind im Durchschnitt gesünder. Einen verständlichen Beitrag zu der gesamten Problematik finden Sie hier.

Beim Kauf eines Rassehundes beim Züchter sollten folgende Dinge beherzigt werden:

  • Bitten Sie um Einsichtnahme in den Stammbaum (Pedigree). Er sollte mindestens über 6 Generationen reichen. Die meisten Hundevereine geben nicht mehr als 3 Generationen auf der amtlichen Ahnentafel an, was einen beklagenswerten Mangel an Informationen für den Hundeliebhaber bedeutet. Eine Recherche im Internet kann Abhilfe schaffen. Für Laien ist eine Interpretation des Stammbaumes oft schwierig. Lassen Sie sich ihn erläutern. Achten Sie darauf, ob es einen Ahnenverlust gibt.
  • Fragen Sie nach dem Inzuchtkoeffizienten (IC). Er sollte, berechnet über 6 Generationen, nicht mehr als 6% betragen. Auf eine Generation (Eltern) gerechnet, hat jeder Windhund einen IC von 0%! Je mehr Generationen in die Berechnung eingeflossen sind und je niedriger der IC, destso geringer ist der Grad der Inzucht.

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2. Worin besteht der Unterschied zwischen Erbkrankheiten und Rasseprädisposition?

Im engeren Sinne werden zu den Erbkrankheiten jene Erkrankungen gezählt, die durch von Anfang an untypisch veränderte Gene ausgelöst und durch Vererbung von den Vorfahren auf ihre Nachkommen übertragen werden.

Als genetische Prädisposition wird das angeborene Risiko für eine multifaktorielle Erkrankung bezeichnet. Neben der genetischen Komponente erhöhen auch physiologische oder anatomische Eigenschaften sowie Umweltkonstellationen die Wahrscheinlichkeit eine Krankheit zu erwerben.

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3. Welche unterschiedlichen Erbgänge gibt es?

Das Leben von Säugetieren basiert auf dem genetischen Code, der sich innerhalb des Zellkernes befindet. Er ist in der Desoxyribonukleinsäure (DNA) gespeichert.

Die Vererbung kann an die DNA der

  • Körperzellen (Autosomen),
  • Geschlechtschromosomen (weibliche Tiere: X + X, männliche Tiere: X + Y) oder
  • Mitochondrien

gebunden sein.

Es wird zwischen monogener (Beteiligung eines Genes) und polygener (Beteiligung mehrerer Gene an der Ausbildung des Erscheinungsbildes der Erkrankung) Vererbung unterschieden.

Säugetiere besitzen von jedem Gen zwei Kopien, eines von jedem Elternteil. Wenn beide Genvariationen eines Individuums für ein bestimmtes Merkmal gleich sind, ist das Erbgut, bezogen auf dieses Merkmal reinerbig oder homozygot. Liegen dagegen zwei verschiedene Variationen vor, wird dies auch als Mischerbigkeit oder Heterozygotie bezeichnet.

Häufig gibt es dominante (P) und rezessive (p) Genvariationen für ein Gen. Eine dominante (P) Variante setzt sich in der Merkmalsausprägung gegenüber der rezessiven (p) durch. Damit das rezessive Merkmal in Erscheinung tritt, muss es reinerbig (pp) vorliegen. Ausschließlich bei der rezessiven Genvariante überspringt die klinische Ausprägung der Krankheit Generationen.

Der autosomal-rezessive Erbgang spielt bei den genetisch bedingten Erkrankungen der Windhunde die größte Rolle. Als Beispiele seien die Dilatative Kardiomyopathie (DCM), der Katarakt und die Progressiven Retinaatrophie (PRA) genannt.

 

Darstellung einer autosomal-rezessiven Vererbung am Beispiel der Progressiven Retinaatrophie (PRA)

Rezessive Vererbung

Legende: “P” = dominantes Normalgen, “p” = rezessives Defektgen

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4. Welche Krankheiten sind bei Windhunden erblich bedingt? Für welche besteht eine Prädisposition?

In nachfolgender Übersicht werden bei Windhunden in der veterinärmedizinischen Fachliteratur beschriebenen Erbkrankheiten und Rasseprädispositionen aufgeführt. Weiterführende Informationen finden Sie auf der englischsprachigen Internetseite Dog Breed Health.

Nahezu jede Krankheit, welche bei Hunden auftreten kann, wird auf der englischsprachigen Internetseite petMD detailliert erläutert.  Ein vergleichbares deutschsprachiges Angebot ist mir nicht bekannt. Ein vergleichbares deutschsprachiges Angebot ist nicht bekannt.

In der Zuchtordnung des Deutschen Windhundzucht- und Rennverbandes (DWZRV) finden sich Maßnahmen zur Eindämmung bestimmter Krankheiten.

 DNA-Test

  • Collie Eye Anomalie (CEA) und MDR1-Defekt: Silken Windsprite
  • Degenerative Myelopathie: Barsoi
  • Myostatin-Mutation: Whippet

 

Tierärztliche Untersuchung 

  • Ophthalmologische Untersuchung
    • Katarakt und Progressive Retinaatrophie (PRA): Afghanische Windhunde, Magyar Agar
    • Glaukom und Hornhautlipoiddystrophie (fakultativ): Afghanische Windhunde
    • Progressive Retinaatrophie (PRA):  Sloughi
  •  Ultraschalluntersuchung
    • Herzkrankheiten: Afghanische Windhunde, Irish Wolfhound, Saluki, Silken Windsprite
  • Röntgenuntersuchung
    •  Hüftgelenksdysplasie (HD: Irish Wolfhound
  • Die generelle Röntgenpflicht wurde ausgesetzt. Das Röntgen des Hüftgelenks ist nur noch erforderlich bei:
    •   Irish Wolfhound-Deckrüden, auf die in einem Jahr mehr als zehn Prozent aller Würfe dieses Jahres zurückgehen
    •   Irish Wolfhound-Importrüden und Irish Wolfhound-Importhündinnen In Deutschland gezüchtete Irish Wolfhound-Rüden und
    •   Irish Wolfhound-Hündinnenn, die nicht aus DWZRV-Zucht stammen

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5. Welche Maßnahmen sollte der Züchter ergreifen, wenn bei den Zuchtieren und/oder deren Nachkommen die Symptome einer erblichen Krankheit festgestellt wurde?

Der Windhund ist, wenn der Verdacht auf eine Erbkrankheit besteht, einem entsprechenden Fachtierarzt, z.B. bei Progressiver Retinaatrophie (PRA) einem Fachtierarzt für Augenheilkunde, vorzustellen. Die klinische Diagnose sollte durch einen Gentest abgesichert werden. Doch nicht für jede Krankheit existieren molekulargenetische Diagnosemöglichkeiten. Eine Übersicht der angebotenen Verfahren ist z.B. bei LABOKLIN GmbH & Co. KG verfügbar.

Nach Bestätigung des Anfangsverdachtes kommen je nach rassespezifischer Verbreitung der Krankheit bei dem in der Hundepopulation überwiegend vorkommenden rezessiven Erbgang zwei verschiedene Strategien in Frage:

  1. geringe Häufigkeit von Merkmalsträgern Führt zu vollständige Eliminierung des Defektgens (p) aus der Population
  2. große Häufigkeit von Merkmalsträgern Führt zu molekularbiologische Detektion der Träger des Defektgens (p) und ausschließliche Verpaarung von Windhunden mit PP x PP oder PP x Pp

Ziel ist in jedem Fall die Geburt gesunder Nachkommen. Bei letzterer Variante wird jedoch die Zucht mit Trägern (Pp) in Kauf genommen. Zur Verdeutlichung des Gesagten dient die Darstellung einer autosomal-rezessiven Vererbung am Beispiel der Progressiven Retinaatrophie (PRA).

Die Züchter machen fast ausschließlich von Variante B. Gebrauch. Diese Vorgehensweise steht im Einklang mit den Zuchtordnungen der Verbände.  

Der Deutsche Windhundzucht- und Rennverband (DWZRV) schreibt in  seiner Zuchtordung zum Beispiel folgendes vor:  Sloughis des Typs A dürfen mit Sloughis des Typs A und Sloughis des Typs B angepaart werden. Sloughis des Typs B dürfen ausschließlich mit Sloughis des Typs A angepaart werden. Sloughis, die bezüglich von PRA homozygot belastet sind (Typ C), können nicht angekört werden und haben Zuchtverbot.

Mit Hilfe der Hardy-Weinberg-Regel lässt sich der Anteil der Anlagenträger (Pp, nicht erkrankt) aus der Häufigkeit der Merkmalsträger (PP, erkrankt) berechnen. Bei noch relativ geringer Häufigkeit von erkrankten Hunden trägt ein vergleichsweise hoher Anteil an gesunden Tieren das defekte Gen in heterozygoter Form.

 

Häufigkeit von Anlagenträgern in Abhängigkeit von der Häufigkeit der Merkmalsträger

Häufigkeit von
Merkmalsträgern (PP, homozygot)
Anlagenträgern (Pp, heterozygot)
von Tieren mit dem Defektgen insgesamt
0,1%
6%
6%
1%
18%
19%
5%
35%
40%
10%
43%
43%
20%
49%
69%
50%
41%
91%

 

Will der Züchter in einer Population, bei der nur 1% der Tiere klinische Erscheinungen der Erbkrankheit zeigen, das Defektgen völlig aus der Population eliminieren, müsste er ca. 19% aller Tiere von der Zucht ausschließen.

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